Fußball-Serie: Zehn Jahre nach dem Preußen-Aufstieg

Wenn Stefan Kühne zum Captains Dinner in der Mensa bat

Münster

Was macht ein Kapitän, wenn sein Schiff sinkt? Er bleibt drauf bis zuletzt. Und wenn das Schiff aber so richtig Fahrt aufnimmt, dann steht der Kapitän auf der Brücke und führt die Mannschaft mit leichter Hand. So wie der Aufstiegs-Capitano von 2011, Stefan Kühne.

Ansgar Griebel

Wenn Stefan Kühne Fahrt aufnahm, war der Capitano nur schwer zu stoppen. Hier macht sich Sercan Güvenisik auf die erfolglose Verfolgungsjagd. Foto: Jürgen Peperhowe

Als der Trainer anrief, war der Kapitän schon an Bord. „Daran kann ich mich noch gut erinnern“, sagt Stefan Kühne, „ich saß mit meiner damaligen Freundin schon im Flugzeug. Kurz vorm Start in den Urlaub nach Kuba, die Telefone hätten eigentlich schon längst abgeschaltet sein müssen.“ Kühne ignorierte die bösen Blicke rundum und ging ran. „Und das war gut so. Das habe ich nie bereut.“ Am anderen Ende der Leitung war Marc Fascher, der den Abwehrmann vom FC Carl Zeiss Jena zum Regionalligisten Preußen Münster locken wollte. „Geht klar“, sagte Kühne, „ein Mann ein Wort.“ Dann hob er ab in den Urlaub. Auf Kuba funkte Fascher seinen Mann aus Jena noch einmal an, ob er sich noch an das Gespräch erinnern könne. „Klar“, funkte Kühne zurück, „geht klar – ein Mann, ein Wort.“

Sonntag gelandet, Dienstag unterschrieben

An einem Sonntag landete Kühne wieder in Deutschland, den Montag nutzte er zum Wäsche waschen, „am Dienstag fuhr ich nach Münster und habe den Vertrag unterschrieben“. Es folgten vier „sehr gute Jahre in Münster, die ich nie bereut habe“. Das Beste kam dabei nicht etwa zum Schluss, sondern direkt im ersten Jahr mit Kapitän Stefan Kühne als unermüdlichem Antreiber, Ärmelhochkrempler, Nieaufgeber, Zerstörer – aber auch Torschützen und Vorlagengeber. „Die Niederlage in Lotte war damals die Wende, da stand es auf der Kippe“, erinnert sich Kühne – mit viel Humor: „Aber da habe ich auch verletzt gefehlt, danach war ich ja wieder dabei.“ Und wie. Am Ende dieser denkwürdigen Spielzeit hatte der Defensivspezialist fünf Treffer selbst erzielt und acht weitere aufgelegt. Rang zwei in der teaminternen Scorerliste gemeinsam mit Massimo Ornatelli (8/5) und knapp hinter Mehmet Kara (5/9).

Preußen-Kollektiv funktioniert auf und neben dem Platz

„Aber ganz ehrlich, das war für mich als Kapitän gar nicht so schwer. Im Gegenteil: In Münster hatten wir immer eine sehr gute Chemie im Team. Ein großartiger Spirit, da musste ich keinem auf die Füße treten, da hat jeder mitgemacht.“ Auch neben dem Platz funktionierte das Preußen-Kollektiv. „Ich weiß noch, dass wir mit neun oder zehn Mann in der Mensa gesessen und gegessen haben.“ Entsprechend sieht sich Kühne auch nur als ein Teil von vielen im perfekten Aufstiegspuzzle: „Ich war nicht der Mann für den feinen Pass, ich war nicht wie später Amaury Bischoff. Das heißt aber nicht, dass ich das nicht auch gekonnt hätte. Aber das war nicht mein Job. Ich bin vorangegangen, das war mein Stil.“ Und die Kollegen sind bereitwillig mitmarschiert. „Wenn überhaupt, dann war ich als Kapitän der „good cop“, auf den Tisch hat Pa­trick gehauen, wenn es nötig war.“ Doch Machtworte vom stellvertretenden Kapitän Patrick Kirsch waren dann gar nicht mehr zwingend – der Preußen-Express war in Richtung 3. Liga nicht mehr zu stoppen.

Drei weitere Jahre spielte Kühne in und für Münster – kratzte unter Pavel Dotchev sogar am Zweitliga-Aufstieg. „Tolle Jahre“, sagt Kühne – ein Mann, ein Wort.

Die Stunde des Wojciech Pollok

Von wegen elf Freunde: So gut können elf Fußballer sich gar nicht verstehen, als dass sie ohne Verstärkung eine Spielzeit erfolgreich gestalten könnten. Gegen den SC Wiedenbrück beispielsweise war es ein Mann aus zweiter, wenn nicht gar dritter Reihe, der den Preußen einen Dreier und sich selbst einen Platz in der Aufstiegsgeschichte bescherte. Der Pole Wojciech Pollok hatte bis zu diesem 27. Spieltag wenig Freude an der Saison. Neunmal stand er bis dahin – meist kurz – auf dem Platz, ein Tor konnte der Stürmer nicht verbuchen. Auch an diesem Freitag startete der 28-Jährige auf der Bank, durfte dann aber bereits nach elf Minuten für den verletzten Babacar N´Diaye nachrücken – und schoss sich nachhaltig ins Langzeitgedächtnis der Fans: Per Kopf erzielte er das 1:0 (19.), das 2:0 durch Daniel Chitsulo (34.) bereitete er vor, der 3:0-Endstand war wieder Chefsache – und Pollok fortan ein Faktor. Bis zum Saisonende erzielte er weitere drei Treffer.

Mittlerweile ist der 40-Jährige wieder in seiner Heimat gelandet, arbeitet in Wiesbaden als Disponent bei einem Speditionsunternehmen und trainiert im dritten Jahr den Oberligisten RW Hadamar. „Immer unter den ersten fünf in der Liga, das macht Spaß“, sagt der A-Lizenz-Inhaber, plant aber bereits einen weiteren Schritt: „Als nächstes will ich als Trainer in der Regionalliga Fuß fassen.“ Gelernt hat er immerhin von einem der Besten – zumindest aus seiner ganz persönlichen Sicht. Nach Ende seiner aktiven Karriere bei den Preußen im Jahr 2014 wechselte er als Co-Trainer zu RW Essen – unter Marc Fascher. „Wir hatten immer ein gutes Verhältnis und stehen heute noch in Kontakt.“ Die Verbindung ist dabei immer noch so klar und störungsfrei wie damals beim Anruf im Kuba-Flieger. Auch die Telefonnummer ist unverändert und aus der damaligen Freundin ist längst Kühnes Ehefrau geworden. Um es mit Stefan Kühne zu sagen: ein Mann, ein Wort …

Preußen-Erwachen an der Hammer Straße

Freitagabend an der Hammer Straße. Die Sonne lacht am 8. April 2011 über dem alt ehrwürdigen Stadion, und Münster hat seine Preußen wiederentdeckt: 7225 Fans wollen in dieser letzten Woche der Fastenzeit ihre ersten Frühlingsgefühle mit einer Prise Fußballparty würzen. Zuschauerrekord in dieser Spielzeit. Auch die Letzten haben jetzt erkannt, dass sich hier – endlich wieder – Großes anbahnt. Und niemand wird enttäuscht: Wetter, Stimmung, Ergebnis – alles gut. Der Stadionbesuch wird in der Beamten- und Studentenstadt gesellschaftsfähig und der Zuschauerrekord schon 13 Tage später beim nächsten Heimspiel pulverisiert. 3:0 steht es schon zur Pause, der Rest ist entspannte Abendunterhaltung – auch auf der damals wie heute winzigen Pressetribüne fällt die Arbeit viel leichter, wenn man schon Anfang der zweiten Hälfte zielsicher auf ein Happy­end zusteuern – und pünktlich mit dem Abpfiff gute Nachrichten auf den Weg schicken kann. Ansgar Griebel

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