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Boxen

Trainer Ulli Wegner wird 80: «Ich bin der Bestimmer!»

Berlin (dpa)

Er ist mindestens genauso bekannt wie seine siegreichen Boxer. Trainer Ulli Wegner. Der Mann mit der heiseren Stimme ist ein Unikum. Jetzt wird es 80. Aber die Party fällt aus.

Von Franko Koitzsch, dpa

Boxtrainer Ulli Wegner (l) und sein ehemaliger Schützling Sven Ottke bei einem Event in Offenburg. Foto: Patrick Seeger/dpa/Archiv

Schon der Gedanke entsetzt Ulli Wegner. «Gemeinsam singen? Ich und Frank Schöbel?», ruft der frühere Boxtrainer mit der knarzenden Stimme und ringt um Fassung. «Um Gottes willen. Nicht mit mir.» Möglich wäre das Duett aber gewesen.

Der Weltmeister-Macher und der einstige DDR-Schlagerbarde, dessen Platten sich auch im Westen verkauften, waren in den vergangenen Wochen gemeinsam in einer Reha-Klinik am Rande Berlins. Wegner wegen eines Oberschenkelhalsbruchs, Schöbel nach einer Knieoperation. «Aber ich hatte die bessere Suite», sagt Wegner stolz, schiebt dann beschwichtigend nach: «Frank und ich kennen uns gut. Wir haben uns Geschichten erzählt und viel gelacht. Uns wurde nicht langweilig.»

Schöbel wird im Dezember 80, Wegner schon heute. Gefeiert aber wird nicht. «Wie denn? Ich kann ja nur an Krücken laufen», schimpft der gebürtige Stettiner, der seinen 70. noch mit 600 Leuten gefeiert hatte. Vielleicht reist er nach Usedom an die Ostsee. Wegner: «Mal sehen, was geht.»

«Im Alter muss man es ruhiger angehen lassen»

Passiert ist das Malheur in der Silvesternacht. Seither muss er sich plagen. «Ich musste wieder laufen lernen», beschreibt der Kulttrainer die Folgen des komplizierten Bruchs im rechten Bein. Zwei Jahre zuvor war ihm das im linken Bein passiert. «Im Alter muss man es ruhiger angehen lassen», seufzt er. «Aber ich bin gut trainiert. Die Reha hat mir gut getan. Ich habe ein bisschen Gewicht verloren.»

Wegners ehemaliger Schützling Sven Ottke sorgt sich um seinen Coach. «Ich telefoniere regelmäßig mit ihm. Ansporn braucht jeder», sagt der frühere Weltmeister. Dabei greift der 54-Jährige auch in Wegners Trickkiste. «Ich mach's, wie er es damals mit uns gemacht hat. Er braucht Druck», verrät der einstige IBF- und WBA-Champion im Supermittelgewicht und freut sich schelmisch.

Erst Amateur-Bundestrainer, dann Sauerland-Coach

Wegner, der eigentlich Fußballer werden wollte, ist eine Institution im deutschen Boxen. Neben Ottke hat er Markus Beyer, Arthur Abraham, Marco Huck und Yoan Pablo Hernandez zu Weltmeistern gemacht. Der diplomierte DDR-Sportlehrer war neben dem 2014 verstorbenen Fritz Sdunek, der Dariusz Michalczewski und die Klitschko-Brüder betreute, Deutschlands herausragender Boxtrainer. Erst Bundestrainer bei den Amateuren, dann Chefcoach bei den Sauerland-Profis. Lohn sind WM-Titel, das Bundesverdienstkreuz am Band, die Goldene Henne, die Ehrenbürgerschaft von Gera und seine Name an der Sporthalle Usedom.

Als Trainer war Wegner ein Schlitzohr und unumstrittener Chef. Widerspruch hat er nicht geduldet. «Ich weiß, was gut für die Jungs ist», lautet seine Maxime. «Mir macht keiner was vor.» Wer Weltmeister werden wollte, der musste die Klappe halten. «Im Leistungssport ist kein Platz für Demokratie. Ich bin der Bestimmer», betont der gelernte Traktoren- und Landmaschinenschlosser. Diktator und General, so wurde Wegner deshalb genannt. «Vielleicht bin ich ja auch sehr unangenehm», meint er. «Aber ich empfinde das nicht so».

Ottke: «Mal gab's Zuckerbrot, mal Peitsche»

Seine Boxer auch nicht. «Er kannte jeden aus dem Effeff. Mal gab's Zuckerbrot, mal Peitsche. Ulli ist ein Psychologe», sagt Ottke. Ihn selbst hat Wegner aber nicht ganz durchschaut. Denn als Ottke im März 2004 nach seinem 22. WM-Sieg noch im Ring seine Karriere beendete, war Wegner geschockt. Als ihm Ottke zum Dank dann auch noch ein BMW-Cabrio Z4 schenkte, liefen ihm die Tränen übers Gesicht. «Und alle haben immer behauptet, Svenni ist geizig. Denkste!»

Mit Arthur Abraham, technisch limitiert, aber mit gewaltiger Schlagkraft ausgestattet, hatte der Trainer manchen Strauß ausgefochten. «Ich kann auch mit schwierigen Typen», sagt Wegner. Abraham wollte sich nie quälen im Kampf, ließ sich ab und an hängen.

Dann lief Wegner, der Western-Fan, zu Höchstform auf. «Mensch Arthur, du bist ein Indianer! Ein Krieger! Du kommst aus einem stolzen Volk. Was sollen deine Landsleute denken?», herrschte er den gebürtigen Armenier in der Ringpause an. Die Masche zog. Abraham fühlte sich bei der Ehre gepackt und keulte los. So schaffte er es gar, mit gebrochenem Kiefer seinen WM-Titel zu verteidigen. Wegner brachte das Strafanzeigen wegen Körperverletzung ein. «Heute ist Arthur Millionär, hat drei Hotels», sagt der Alt-Trainer. «War wohl nicht alles verkehrt, was ich gemacht habe.» Nach einer Pause ergänzt er leise: «Ich bin zufrieden mit meinem Leben.»

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