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Paralympics in Tokio

Ziel der Klingelballer: Team-Fluch von Olympia bannen

Tokio (dpa)

Bei Olympia gewann Deutschland keine einzige Medaille in den Mannschafts-Sportarten. Bei den Paralympics wollen das vor allem die Goalballer ändern. Der besondere Reiz: Sie dürften sich die Medaillen gegenseitig umhängen.

Von Holger Schmidt, dpa

Reno Tiede will mit dem deutschen Goalball-Team Gold gewinnen. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB

Bei Olympia hat Reno Tiede bei fast allen Spielen deutscher Mannschaften mitgefiebert. Und mitgelitten.

«Außer mit den Fußballern», sagt der Kapitän der deutschen Goalball-Nationalmannschaft und ergänzt mit Blick auf viele verweigerte Abstellungen: «Da wurde Olympia mit Füßen getreten. Aber beim Hockey, Handball oder Basketball habe ich beim Ausscheiden und dem Blick in die enttäuschten Gesichter richtig mitgetrauert.»

Letztlich blieb Deutschland bei den Olympischen Spielen ohne jede Medaille in den Mannschafts-Sportarten. «Sehr schade», findet Tiede das: «Aber vielleicht ist es auch eine Riesenchance für unsere Sportart.» Denn das Ziel der Goalballer bei den Paralympics in Tokio ist klar definiert: Gold!

Die coronabedingten Umstände würden einen Erfolg noch besonderer machen. «Viele finden es seltsam, dass sie sich die Medaille selbst umhängen müssen», sagt Tiede: «Wir könnten sie uns gegenseitig umhängen. Wie cool wäre es, wenn dir ein Mannschafts-Kollege Gold umhängt und nicht irgendein Funktionär.»

Auftakt-Spiel live im TV

Passend zu den Ambitionen bekommt die Sportart, bei der sehbehinderte Menschen wegen Chancengleichheit mit einer Augenbinde einen Klingelball in ein neun Meter breites Tor werfen müssen, in Deutschland erstmals eine ganz große Bühne. Das Auftakt-Spiel gegen die Türkei wird am Mittwoch um 10.30 Uhr (17.30 Uhr Ortszeit) live und in voller Länge in der ARD gezeigt. Das gab es noch nie. «Dadurch ist der Wermutstropfen, dass wir nicht vor Publikum in der Halle spielen dürfen, nicht mehr so groß», sagt Cheftrainer Johannes Günther.

2012 stellte der hauptberufliche Lehrer aus Marburg gemeinsam mit seinem Assistenten Stephan Weil ein Team zusammen, das direkt den internen Titel «Team Tokio» bekam. Gold bei den Spielen 2020 war damals schon das Fernziel. Nun eben 2021. Günther und Weil formten eine eingeschworene Truppe, die bei den Spielen 2016 in Rio mit einem gemieteten Bus zur Christusstatue fuhr oder in Tokio gemeinsam im Kimono zum Essen erschien. Neben dem Teamgeist steht aber auch Professionalität im Fokus. In Tokio gehören ein eigener Videoanalyst und ein Psychologe zur Crew.

«Team Tokio» will Gold!

Bisher gelang der Aufbau: Nach dem Viertelfinale bei den Paralympics 2016 holte das Team 2017 EM-Silber, wurde 2018 WM-Zweiter und gewann 2019 die Heim-EM in Rostock. «Vor der EM saßen wir zusammen, und jeder sollte sein Ziele definieren», erzählt Tiede: «Alle haben gesagt: Gold bei der EM. Für Tokio hat der Großteil Gold gesagt, der kleine Rest Finale. Im Laufe der Vorbereitung wurde es dann komplett als Gold definiert. Denn man erreicht kein Finale, um es zu verlieren.»

Die Verschiebung der Paralympics im Vorjahr und die Unklarheit über die Ausrichtung 2021 zehrten deshalb an den Goalballern. «Wir haben uns neun Jahre auf dieses Turnier vorbereitet. Und das haben wir nicht getan, um uns von einem doofen Virus stoppen zu lassen», sagt der Rostocker Tiede, der als selbständiger Vermögensberater arbeitet: «Ich habe mich gefragt: Wie soll ich diese Anspannung noch ein Jahr aufrecht halten. Zuletzt war ich so angespannt, dass meine Partnerin sagte, dass ich es ein bisschen übertreibe. Jetzt ist eine große Last weg, und es herrscht pure Vorfreude.»

Die Konkurrenz wird stark sein. Doch Co-Trainer Weil verspricht: «Wir werden ein saugeiles Turnier spielen.» Und Tiede ergänzt: «Wenn wir unsere Leistung abrufen, wird Deutschland schwer zu schlagen sein.» Und könnte den Mannschafts-Fluch der Olympioniken vielleicht bannen.

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