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Speerwerfen

«Beschissen und betrogen»: Vetter erlebt Desaster

Tokio (dpa)

Speerwurf-Ass Johannes Vetter war auf Olympia-Gold fixiert wie kein anderer deutscher Leichtathlet. Am Ende steht in Tokio ein neunter Rang. Die Enttäuschung beim Athleten ist groß, sein verärgerter Trainer spricht sogar von Betrug.

Von Andreas Schirmer, Ulrike John und Eric Dobias, dpa

Speerwerfer Johannes Vetter kam mit dem Belag im Stadion überhaupt nicht zurecht. Foto: Michael Kappeler/dpa

Bundestrainer Boris Obergföll ließ seiner Wut über das olympische Speerwurf-Desaster von Johannes Vetter freien Lauf. Man fühle sich «beschissen und betrogen», wetterte Obergföll nach dem neunten Platz seines Schützlings und sprach von einer «vollkommenen Chancenungleichheit».

Der gestürzte Gold-Favorit Vetter fand das vorzeitige Aus im Finale in Tokio schlicht «zum Kotzen».

Auslöser des Zorns bei Athlet und Trainer war der Belag für den Anlauf, von dem der deutsche Wurf-Star ausgebremst wurde. «Es ist bitter, bei Olympischen Spielen so einen Kindergartenbelag zu verlegen», schimpfte Obergföll. «So ist quasi dem weltbesten Speerwerfer die Chance auf olympisches Gold genommen worden.»

Weicher Belag «einfach tödlich»

Der 28-jährige Vetter ist mit mehr als 100 Kilogramm Körpergewicht ein kräftiger Athlet, der einen sicheren Halt des Stemmbeins braucht, um Energie für den Antrieb des Speers zu erzeugen. Der weiche Belag im Olympiastadion in Tokio sei für ihn daher «einfach tödlich» gewesen, sagte Vetter frustriert.

Nach 19 Siegen in Serie und sieben Würfen über 90 Meter - darunter die Jahresbestweite von 96,29 Meter - galt der Offenburger als sicherer Goldmedaillen-Lieferant. Stattdessen wurde es für den Weltmeister von 2017 eine ärgerliche Rutschpartie ins olympische Nichts. «Ich vergleiche es mit Aquaplaning auf nasser Fahrbahn», erklärte er seine Probleme beim Anlauf. «Versuch' da mal zu bremsen vor der Mauer, man knallt halt dagegen.»

Normalerweise muss er den Anlauf abbremsen, um den Speer weit fliegen lassen zu können. In Tokio klappte das in keinem seiner drei Versuche. «Wenn ich 30 Zentimeter abrutsche, fehlt die Spannung und das technische System bricht komplett zusammen», sagte Vetter. Am Ende standen nur 82,52 Meter - das Ende aller Medaillenträume.

Konkurrenz von Untergrund unbeeindruckt

Dass man auf dem mit Eissäcken heruntergekühlten Untergrund weiter werfen kann, bewiesen die Konkurrenten. Der Inder Neeraj Chopra holte mit 87,58 Meter Gold, die beiden Tschechen Jakub Vadlejch (86,67) und Vitezslav Vesely (85,44) sicherten sich Silber und Bronze. Der Mainzer Julian Weber wurde mit 85,30 Metern Vierter. «Vorher hätte ich niemals gedacht, hier um die Medaillen zu kämpfen», sagte der 26-Jährige. «Der vierte Platz ist komplett verrückt.»

«Ich wusste nur, dass es ein Mondo-Belag ist - von der neuen Technologie habe ich nichts gewusst. Wir haben uns nach Qualifikation ganz frech ein Stück aus der Bahn geschnitten und da sieht man diese eklatante Unterschiede. Da sind Blasen drunter, damit dieser Bounce-(Feder) Effekt entsteht», sagte Vetter am Sonntag im Sport1-Interview. «Deswegen gab es auch auf vielen Laufstrecken Weltrekorde und Olympische Rekorde. Uns Speerwerfern kommt das aber überhaupt nicht zugute.» Er verwies darauf, dass es auch Mitkonkurrenten, die ähnlich stemmen würden wie er, in der Qualifikation erwischt habe.

Während Vetter keinen Grund sah, sich etwas vorzuwerfen, zeigte sich Rio-Olympiasieger Thomas Röhler erschrocken über das Scheitern seines Kollegen. «Ich bin mit Blick auf das Team und die von allen erhoffte Medaille extrem schockiert und traurig», sagte der 29-Jährige aus Jena - und bezog sich auch auf Christin Hussong. Sie war als Weltranglistenzweite an den Start gegangen und ebenso nach drei kläglichen Würfen vorzeitig im Finale rausgeflogen.

«Olympia seine eigenen Gesetze»

«Die Bahn kam seinem Wurfstil nicht entgegen. Jojo kann Monsterwürfe, das hat er oft bewiesen, aber leider hat Olympia seine eigenen Gesetze», sagte Röhler über Vetter. Er selbst hatte wegen einer Rückenverletzung das Tokio-Ticket verpasst.

Noch deutlichere Kritik an Vetter äußerte Klaus Wolfermann, der 1972 in München Gold mit dem Speer holte. «Er war nicht sicher, er hat regelrecht Angst gehabt», befand der 75-Jährige. Auch das Hadern mit dem Belag ließ er als Ausrede nicht gelten: «Die anderen haben auch geworfen und ihre Leistung gebracht.»

Nach der Rückkehr in die Heimat will Vetter noch sechs Wettkämpfe bestreiten. «Für das Gefühl möchte ich noch mal einen ordentlich Wurf machen», sagte der gebürtige Dresdner und blickte schon wenige Minuten nach dem Debakel kampfeslustig auf Paris 2024 voraus: «Gott sei Dank muss ich nur drei Jahre auf die nächsten Olympischen Spiele warten.»

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