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Schweizer Tennis-Star

Die Zeit läuft gegen Federer - Nachdenken nach Wimbledon-Aus

London (dpa)

Die Zeit stehe für niemanden still, sagt Boris Becker zum bitteren Wimbledon-Aus des bald 40-jährigen Roger Federer. Der Schweizer überlegt nun, wie es weitergeht.

Von Robert Semmler, dpa

Muss das Aus in Wimbledon erst einmal sacken lassen: Roger Federer. Foto: Joe Toth/Aeltc Pool/PA Wire/dpa

Dieser schwere Moment des Loslassens - so kurz nach dem bitteren Abgang vom Centre Court von Wimbledon sah ihn Roger Federer noch nicht gekommen.

Doch wie der achtmalige Champion im Viertelfinale ausschied, brachte ihm automatisch einmal mehr auch die unschöne Frage nach einem Rücktritt vom Tennis ein. Nach seiner grandiosen, mehr als zwei Jahrzehnte währenden Karriere will der Schweizer abwägen, welche Ziele er sich noch stecken kann - oder ob ihm weitere Demütigungen wie gegen den Polen Hubert Hurkacz drohen.

Erstes 0:6 in Wimbledon

«Ganz einfach: Federer sah aus wie ein Mann viereinhalb Wochen vor seinem 40. Geburtstag», kommentierte die britische «Times» die klarste der 14 Wimbledon-Niederlagen des Maestros, der nie zuvor dort einen Satz mit 0:6 verloren hatte. «Sollte dies sein letzter Auftritt auf dem heiligen Rasen des Centre Court gewesen sein, wäre vor allem der letzte Satz ein unwürdiger Abschied aus seinem Wohnzimmer», schrieb der Schweizer «Blick». Die «Neue Zürcher Zeitung» vermutete daher: «Mit einem 0:6 verlorenen Satz wird er seine Karriere nicht enden lassen wollen.»

Die Zeit stehe für niemanden still, stellte der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker als Experte des britischen Senders BBC fest. Der 53-Jährige wunderte sich über das, was er in den mitunter verheerenden 109 Minuten beim 3:6, 6:7 (4:7), 0:6 gesehen hatte. «Es ist normal, Fehler zu machen, aber wenn du so ein Perfektionist wie Roger Federer bist - einige dieser Fehler waren nicht aus seiner Liga. Er hatte überhaupt kein Timing», urteilte Becker. Sollte Federer etwas gezwickt haben, würde er es danach nicht sagen.

Das tat der Gewinner von 20 Grand-Slam-Titeln auch nicht. Alles solle nun auf den Tisch, er wolle schauen, wie es dem Körper, dem zweimal operierten Knie, dem Kopf gehe, sagte Federer und wirkte auch innerlich angeschlagen. «Das war hart. Die letzten Spiele, wenn Dir klar ist, dass Du nicht mehr zurückkommst. So eine Situation bin ich nicht so gewohnt, besonders nicht hier», räumte er tief enttäuscht ein.

«Darum spiele ich jetzt immer noch»

Natürlich würde er beim Rasen-Klassiker gern noch einmal dabei sein, noch einmal den Applaus bekommen, die Zuneigung der Fans spüren. «Die Ovation ist fantastisch. Ich liebe das. Darum spiele ich jetzt immer noch», sagte Federer. Die Entscheidung, darauf zu verzichten, ist eine schwere - egal, wann Federer sie trifft. Aber er muss sie irgendwann treffen.

Dem Ziel Wimbledon hatte Federer alles untergeordnet, dafür war er bei den French Open vor dem Achtelfinale ausgestiegen. Man könne nicht gleich den ganzen Berg besteigen, sondern nur schrittweise vorangehen. Wimbledon sei der erste Superschritt gewesen, erklärte der langjährige Weltranglisten-Erste und ließ durchblicken, wie langwierig nach zwei Operationen am rechten Knie im vergangenen Jahr die Genesung verlief.

«Nach harten 18 Monaten war ich schon froh, dass ich es ins Viertelfinale geschafft habe», gestand er. Ursprünglich sei das Ziel gewesen, im vorigen Sommer für Wimbledon fit zu sein - der Rasen-Klassiker fiel dann wegen der Corona-Pandemie aus. Letztlich habe es gerade für dieses Jahr gereicht. «Ich bin sehr glücklich, dass ich Wimbledon spielen konnte», sagte Federer.

Das Alter, es nagt an den einst Besten der Branche wie ihm und der ebenfalls 39-jährigen Serena Williams, die in der ersten Runde verletzt aufgegeben hatte. «Ich habe mich nicht so gut bewegt, wie ich gern würde, vor allem in der Defensive», erklärte Federer. «Es fehlen viele Dinge, die vor zehn, 15, 20 Jahren sehr leicht und ganz normal waren in meinem Spiel. Jetzt muss ich mich daran erinnern, dieses oder jenes zu tun.» Er müsse vor allem ein besserer Spieler sein, um auf dem höchsten Niveau konkurrieren zu können, sagte Federer. Das konnte er in Wimbledon nicht mehr.

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