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WM-Abschluss

Messi und das arabische Gewand - so politisiert der Fußball

Lusail (dpa)

Die Katar-WM schloss mit Bildern eines Zeichens abseits des Fußballs. Lionel Messi feiert nicht nur im Argentinien-Trikot. Und jetzt kommt die deutsche EM 2024 - ohne Politisierung?

Jan Mies, Miriam Schmidt und Nils Bastek, dpa

Schien selbst wenig begeistert von der Aktion: Argentiniens Kapitän Lionel Messi im Bischt. Foto: Tom Weller/dpa

Lionel Messi wirkte irritiert, als er von Katars Staatsoberhaupt das leicht transparente Edelgewand umgelegt bekam. Emir Tamim bin Hamad Al Thani und FIFA-Präsident Gianni Infantino mussten dem argentinischen Superstar zeigen, wie er seine Hände durch die Ärmel des sogenannten Bischt führen muss.

Und plötzlich gehörten die Jubelbilder der Argentinier mit dem goldenen WM-Pokal nicht mehr nur den neuen Weltmeistern - sondern wieder auch dem Gastgeber dieser so stark politisierten Endrunde. Der Ausrichter des nächsten Fußball-Großereignisses ist 2024 Deutschland.

Laustarke Empörung

«Da nimmt man dem Spieler einen ganz großen Moment», sagte Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger in der ARD. In den sozialen Medien reichten die Reaktionen bis hin zur lautstarken Empörung. «In gewisser Weise ist es beschämend, dass sie Messi in seinem argentinischen Trikot verdeckt haben», sagte der englische Ex-Profi Gary Lineker beim Sender BBC. Der Bischt wird im Emirat vorrangig von wichtigen Personen am Nationalfeiertag übergezogen.

Deshalb war der letzte Akt der insbesondere in Deutschland hochumstrittenen Katar-Endrunde im Lusail Stadion nicht unbedingt überraschend. Katar nutzte das Scheinwerferlicht maximal aus. Auf der Ehrentribüne saßen etliche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Die Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen und der Arbeitsbedingungen für ausländische Arbeiter, die Katar zurückweist, war weit weg. Nach der Russland-WM 2018 und der Corona-EM 2021 war die Endrunde 2022 das dritte Fußball-Highlight in Folge, das komplizierte gesellschaftspolitische Debatten provozierte.

Arabische Internetnutzer verwundert über Kritik

In der arabischen Welt haben Nutzer in den sozialen Netzwerken mit Verwunderung auf die Kritik an Messis Tragen eines traditionellen Bischts bei der WM-Siegerehrung reagiert. «Als Mexiko im Jahr 1970 die Weltmeisterschaft ausgerichtet hat, ließen sie den Titelverteidiger Pelé einen mexikanischen Hut tragen», schrieb ein Fan auf Twitter. Damals hätten die Medien das als «Verwirklichung der Fußballbotschaft» bezeichnet. Ein anderer Nutzer kommentierte: «Wenn Araber ihrem Gast einen Bischt schenken, ehrt ihn das und ist ein Zeichen der Dankbarkeit, und das Ganze ist nicht wirklich anders als Pelé, der 1970 einen mexikanischen Hut trug.»

Bei der Siegerehrung im Juni 1970 in Mexiko trug der brasilianische Spieler Pelé einen Sombrero - einen für Mexiko typischen breitkrempigen Hut. Brasilien gewann damals bei der WM 4:1 gegen Italien. Fotos aus der Zeit zeigen, wie die Fußball-Ikone mit dem Hut auf seinem Kopf von begeisterten Fans zur Pokal-Übergabe getragen wird.

EM 2024 - WM-Sommermärchen 2006 als Vorbild?

In Katar werde Fußball «als politisches Instrument» begriffen, schrieb Philipp Lahm, Turnierdirektor der EM 2024, in seiner «Zeit»-Kolumne vor dem Finale. Zuletzt sei bekannt geworden, «dass Katar hochrangige EU-Abgeordnete bestochen haben soll, die dann wiederum Katars Umgang mit Wanderarbeitern verharmlosten». Der Skandal im EU-Parlament wurde weltweit beachtet.

Die EM 2024 werde «in einer Demokratie stattfinden, in Deutschland. Dort muss das, was Europa ausmacht, nämlich Freiheit, Vielfalt und Gleichheit vor dem Gesetz, verteidigt werden. Es sind auch die Werte des Fußballs», schrieb Lahm. Große Worte, die auch verpflichten. Während der Endrunde hatte die deutsche Politik mit Katar einen langfristigen Liefervertrag für Flüssiggas abgeschlossen.

Der Deutsche Fußball-Bund hatte den Zuschlag für die EM vom 14. Juni bis 14. Juli 2024 vor gut vier Jahren bekommen, damals im Bewerbungsrennen mit der Türkei. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte Lahm zuletzt, das WM-Sommermärchen 2006 könne Vorbild sein. «Wir haben uns als toller Gastgeber präsentiert, das Wetter war überragend - da muss schon alles passen», sagte der 39-Jährige. Die Vergabe des Heim-Turniers vor 16 Jahren ist längst auch von Bestechungsvorwürfen überschattet.

Im Rückblick wirkt die Show zur Auslosung der EM-Qualifikation im Oktober in Frankfurt/Main fast schon wie ein zu passender Zufall. Popstar Lena präsentierte ihren aktuellen Song «Looking for Love» - eineinhalb Monate später wurde in Katar heftig gestritten, weil der Weltverband FIFA die «One Love»-Kapitänsbinde einiger europäischer WM-Teilnehmer untersagte. Auch der DFB musste klein beigeben - den Vorwurf, die eigenen Werte nicht ausreichend verteidigt zu haben, wies der Verband zurück.

Bischt: Traditionelles Gewand und edles Statussymbol am Golf

Ein Bischt ist ein traditioneller Umhang, den Männer in den Golfstaaten und im Iran schon seit Jahrhunderten zu besonderen Anlässen und Feierlichkeiten anziehen. Er gilt heutzutage als Statussymbol. Vor allem hochrangige Politiker und Gelehrte tragen das leichte Gewand mit goldenen oder silbernen Bordüren. Es gibt die Umhänge in verschiedenen Farben wie schwarz, beige oder grau.

Ursprünglich ist der Bischt ein Kleidungsstück der Beduinen, das gut gegen die Hitze und Kälte der Wüste schützt. Die edelsten Umhänge nähen Schneider in der Region auch heute noch per Hand und mit großer Raffinesse. Der prestigeträchtige Überzug aus Wolle oder Leinen ist sehr bequem.

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